Roll on Hunsrückbahn

Kabarettistischer Reisebericht von Thomas C. Breuer

Im Vorfeld der Feierlichkeiten zum 100sten Geburtstag der Hunsrückbahn, die wegen technischen Problemen jetzt auf 2009 verschoben wurden, hat der bekannte Kabarettist Thomas C. Breuer ein eigenes Programm geschrieben. Anbei der Hunsrückbahn Reisebericht aus dem Programm, das am 25.9. im Emmelshausener Bahnhof uraufgeführt wurde.

Als einem der wenigen Glücklichen ist es mir Mitte Juni 2008 noch gelungen, mit der Hunsrückbahn von Boppard nach Emmelshausen zu reisen. Hier meine damaligen Eindrücke.
 

Streng genommen fängt die Fahrt schon in Mainz an, in Bingen oder in Koblenz, ein spektakulärer Vorspann durch das unbebrückte Weltkulturerbe, spätestens aber am Bopparder Hauptbahnhof, wo es beide Bahnsteige schon zu eigenen Raucherbereichen gebracht haben, die mit den gelben Linien. Der Wagenstandsanzeiger für Gleis 2 vermeldet einen Intercity täglich in südlicher Richtung, allerdings schon um 5:43 h in der Frühe, und den hat wahrscheinlich Hartmut „Napoléon“ Mehdorn den Boppardern aus Mitleid gewährt. Nach Norden sind es sogar drei. Das 16.000-Seelen-Städtchen Boppard verfügt über immerhin sechs Bahnhöfe: Hauptbahnhof, Boppard Süd, Boppard-Buchholz, Boppard-Hirzenach, Boppard-Bad Salzig, Boppard Fleckertshöhe. Dem Fahrplan entnehme ich, dass die Hunsrückbahn am Wochenende bis zu elf Minuten später verkehrt – oh Leichtigkeit des Südens! Ein separater Aushang informiert den Reisenden, dass im Sommer die grosse Gleiserneuerung ansteht, rechtzeitig zum hundertjährigen Geburtstag der Route. Die Firma, die das bewerkstelligen soll, heisst Gleisbau Heinz, ein an sich schon poetischer Gebilde, aber mit ihrem selbst gewählten Spitznamen „Schwellenbeisser“ toppen sie den noch. Vielleicht erklärt der einiges von dem, was hier später passiert. Little did I know! Wusch! Ein Güterzug zerschmettert mit seiner Bugwelle schier das Ensemble und bringt nicht nur das Weltkulturerbe zum Zittern. Ich drücke mich in den Windkanal, den Hut muss ich festhalten. So muss sich eine Autowaschanlage anfühlen, minus die Nässe.  

Die Lok mit dem schönen Namen 218 408-3 fährt ein, ein stocksolides Dieselteil. Die Zugkomposition allerdings ist profan, die üblichen Alltagswaggons im gewöhnlichen „Verkehrsrot“ (RAL 3020), von der Hunsrückbahn hätte ich mir romantischeres gewünscht. Der Lokführer steigt aus, denn er muss unseren Zug in die Richtung zurückbewegen, aus der er gekommen ist. Stolz trägt er eine Baseballkappe mit der schottischen Fahne, vielleicht, weil es gleich ins Hochland geht, auf Deutschlands steilster Bahnstrecke, von Eisenbahnfreunden liebevoll Ädhäsionsbahn genannt, oder neuerdings auch „Unesco Transsib “. Schon ist er eingestiegen, ein scheuer Pfiff von irgend­wo, los geht’s, rasch gewinnen wir an Fahrt, zweigen von der Rheinstrecke ab, und mag es mit Deutschland wieder bachab gehen, mit der Hunsrückbahn geht es steil bergauf, hinein in den Mühltal-Canyon, und bald schon der erste von insgesamt fünf Tunneln, Kalmut der Name, 124 m lang, der folgende Talbergtunnel ist 20 m länger, sozusagen der Gotthard der Hunsrückbahn, der Rauenberg wieder 124 m, usw. Unten im Tal boppärdelt es einstweilen weiter vor sich hin, dieser Ort will gar nicht aufhören, und fast schon ganz oben queren wir das erste Viadukt, das sicher schön anzuschauen wäre, würde man es denn sehen. Dem Zugreisenden gelingt das selten, es sei denn, der Zug beschreibt davor oder danach eine lange Kurve wie die Rhätische Bahn auf dem Weg nach Arosa. Trotzdem – wegen des grossen Erfolges kommt gleich die Viadukt-Zugabe. Hubertus und Rauschenloch heissen die Jungs. Die Erbauer der Bahn waren womöglich Schweizer Ingenieure, die immer den Weg des grössten Widerstandes nehmen, um der Welt zu beweisen: Es ist machbar, und wir können es! Wo die Österreicher gemütlich ihre Bahn von Innsbruck in endlosen, geradezu lahmarschigen Schleifen ein paar Höhenmeter hinauf zum Bergisel schicken, wählen die Eidgenossen stets die schwierigste Strecke, um mit ein paar oft überflüssigen Tunnels und Brücken triumphieren zu können: „Und wer hat’s erfunden?“ 

Gerade sieht es ohnehin alpin aus, draussen gibt’s nur Tännchen. Zwei Tunnelschilder sind überwuchert, wiewohl man häufig den Eindruck hat, als hole sich die Natur die Piste zurück, so wie bei der Eisenbahn von Caipiria im fernen Brasilien, die Villa-Lobos in seinen Bachianas Brasileiras auf die Landkarte gebracht hat. Mir fällt der Indianerstamm ein, der vor Wochen im Amazonas-Urwald entdeckt wurde. Dschungel gäbe es genug für sie, andererseits hat man hier schon vor Jahren angefangen, Extremtouristen auszuwildern, und beide Bevölkerungsgruppen sind einander nicht besonders grün. Der Zug ächzt bergan wie die Andenbahn, überquert eine Strasse, womöglich die Panamericana, und niemanden würde es verwundern, fielen plötzlich Sauerstoffmasken von der Decke. Erst eine Ansiedlung namens Buchholz holt den Reisenden in die Wirklichkeit zurück, womöglich der Name deutscher Einwanderer, vielleicht auch benannt nach dem Schauspieler, auf jeden Fall gehört es – nebbich! – zu Boppard. Den Bahnhof ziert ein roter Kubus, wirklich nicht zu übersehen, nur unwesentlich grösser als die davor befindlichen Altglascontainer. Eine Bushaltestelle informiert darüber, dass man sich hier in der Wabe 602 befindet, was gut ist zu wissen. Ab Buchholz verläuft die Trasse parallel zur Strasse. Zur Linken Wellblechschuppen, gefolgt von recht umfangreichen Schotterhalden. Das Kontrastprogramm bildet der Märchenwald zur Rechten, der alles aufzufahren scheint, was die rheinischen Schiefergebirge an Baumbestand zu bieten haben, jetzt gerade wieder Mischwald, wir durchqueren heute einige Vegetationszonen, Klimazonen, Zeitzonen, und kreuzen schliesslich erneut die Strasse. Es wimmelt von Fingerhut. Raubvögel, vielleicht ein Kondorpärchen. Nächster Halt Ehr. Menschen mit Fotoapparaten, die Objektive von bedrohlichen Ausmassen, bevölkern die dortige Grand Central Station, mit verzückten Gesichtern. Pufferküsser, also Eisenbahnfreunde. Ein freundliches Quartett, viel Feind gibt es nicht, viel Ehr auch nicht. Linker Hand ein Gehege, sind das Hirsche oder Rehe, kaum zu erkennen, der Zug legt, auf der Hochebene angekommen, ein schier atemraubendes Tempo vor, weissärschig sind sie wie Wapitis, im Westen Colorados habe ich solche einmal vom Zug aus gesehen; erstaunlich, diese Reise, und keine Minute langweilig. Zur Abwechslung geht’s mal unter einer Brücke durch, rechts das Riesenreifenlager eines Herrn Goodyear, und der Ausstieg erfolgt in Fahrtrichtung links, gut zu wissen: Wo sind wir überhaupt? Ah ja, Emmelshausen Centrale. 

Was machen eigentlich die zusammengeschnürten Wanderschuhe auf dem Dach des Bahnhofs? Ist das ein Kunstwerk? 

Ich nehme gleich den nächsten, sprich selben Zug zurück, sozusagen die Retourkutsche, um mir all das zu schnappen, was mir auf dem Hinweg entgangen ist. Auf der Rückfahrt werden die Fahrgäste z.B. via Lautsprecher begrüsst: „Willkommen auf der Hunsrückbahn! Wünschen eine gute Fahrt!“ Vielleicht sind ja ein paar VIPs zugestiegen. Kurz vor Ehr auf der linken Seite gestattet die Topographie ein wenig Weitsicht bzw. Fernsicht, auf einer Strecke von etwa 35 Metern kann man bis Nebraska gucken. Das Industriegebiet Hellerwald ist mir vorhin auch nicht weiter aufgefallen, wobei der helle Wald natürlich dem Industriegebiet weichen musste. Der Zug bedient diese Haltstelle nicht und rauscht durch. Der Schweizer kennt auf Nebenstrecken ja den sog. „Halt auf Verlangen“, eine Formulierung, die auch ganz andere Interpretationsmöglichkeiten bietet, vor allem, wenn es aus dem Lautsprecher tönt: „Lustmühle. Halt auf Verlangen.“ Das kann einem im Kanton Appenzell widerfahren. „Und wer hat’s erfunden?“ Für die mitreisenden Holländer sind die etwa 350 Höhenmeter natürlich eine Grenzerfahrung. Die Bahn stöhnt, jetzt geht’s wieder runter in die Schlucht, ein hochtönendes Schlingern malträtiert die Gehörgänge, und wir beten heimlich zum Bremsengott. 

Hier pfeilt eine waghalsige Mischung aus Rhätischer Bahn und Tibet-Express, dazu eine Prise White Pass & Yukon, mehrere Reisen in einer, es gibt zwei Tunnels, die entweder Hinterburgen oder Hinterburden heissen, genauere Recherchen fallen Ästen bzw. der Geschwindigkeit zum Opfer, der eine 64, der andere 65 m lang, die Längen sind anscheinend aufeinander abgestimmt, linker Hand erscheint nun der Vierseenlift, eine Sesselbahn, die sich von Boppard auf den Berg schwingt, eigentlich aber mit hundsgewöhnlichen Holzsitzen aufwartet – von wegen Sessel! Die Strasse, die gerade neben dem Gleis verläuft, trägt den märchenhaften Namen Elfenlay. Die Erde hat uns wieder, draussen ist das Parken nur auf den markierten Flächen erlaubt und in der Bahnhofsgaststätte kann man sich ein brasilianisches Bitburger mit Cachaça-Flavour genehmigen, dem Himmel sei Dank. Der Zug fährt weiter bis Boppard-Süd, aber das ist mir doch zu strapaziös. Die Reise dauert zwar nur 24 Minuten, die vielen Eindrücke aber nehmen einen doch mit. 

Die Chancen der Hunsrückbahn sollten nicht all zu schlecht sein: In der Süddeutschen steht derweil etwas vom Ende des Ölzeitalters. Allerdings steht in derselben Ausgabe, dass sich Herr Mehdorn mit Napoléon vergleicht. Schnell fällt da natürlich das böse Wort Waterloo. Vielleicht sollte er seine Allmachtsphantasien zugunsten der Hunsrückbahn in den Hintergrund stellen und mit wirklich kompetenten Mitarbeitern ein schlüssiges Konzept entwickeln, mit angemessenem Rollmaterial, Trans Hunsrück Railways, und, ja, vielleicht liegt in der Entschleunigung ja eine Chance. 

© Thomas C. Breuer Rottweil 17.06.2008 e